NAHRUNGSVERWEIGERUNG

Ursachen II

I Körperliche Ursachen

Seelische Ursachen

III Ursachen nach Borker

Nahrungsverweigerung ist oft das Symptom einer tieferen seelischen Ursache. Wenn es möglich ist diese Ursache zu finden und zu beseitigen, kann häufig geholfen werden. Allerdings muss aber auch erwähnt werden, dass seelische Probleme oft sehr vielschichtig sind und manchmal kein erkennbarer Grund zu ermitteln ist. Dadurch sind sie oft nur durch eine Medikamententherapie behandelbar. Wenn hinter den seelischen Problem der Wunsch steht, dass der Patient sterben will, ist es natürlich sehr schwer ihn zum Essen zu animieren. Zu den psychisch auffälligen Verhaltensweisen zählen motorische Unruhe, aggressives Verhalten, häufiges Rufen oder auch starke Rückzugstendenzen, welche fast immer auf seelischen Stress zurückzuführen sind [1].

Einige weniger drastische Motive sollen hier nun aufgezeigt und genauer beleuchtet werden.

Heimweh

Wenn alte Menschen in ein Heim kommen, müssen sie ihre gewohnte Umgebung verlassen, in der sie sich sicher und geborgen gefühlt haben. Sie sind gezwungen sich in einer völlig neuen und fremden Umgebung zurechtfinden. Dieses Problem gilt für gesunde Senioren ebenso wie für Demente. Aber gerade bei Dementen, welche sich aufgrund ihrer Erkrankung nur schwer auf neue Situationen einstellen können, kann ein Umgebungswechsel schwere seelische Auswirkungen haben. Sie haben das Gefühl, dass sie die Kontrolle verlieren, da sie sich in der neuen Umgebung nicht zurechtfinden.

Eine Heimunterbringung als einschneidendes Erlebnis ist aber gerade bei Dementen nur schwer zu umgehen, da der Pflegeaufwand mit Fortschreiten der Erkrankung oft zu Hause nicht mehr gewährleistet werden kann.

Eine Möglichkeit, um den Dementen das Gefühl einer heimischen Umgebung innerhalb einer Pflegeeinrichtung zu geben, bietet die Milieutherapie ( siehe Kapitel "Milieutherapie").

Unangenehme Umgebung

Eine angenehme und den Bedürfnissen der Demenzkranken angepasste Umgebung ist sehr wichtig für das körperliche und seelische Wohlbefinden. Wenn der Kranke zuhause versorgt wird, spielt dieser Punkt meist nur eine untergeordnete Rolle. Leider sind noch zu wenig Heime auf die Bedürfnisse von Demenzkranken abgestimmt. Zum einen haben viele Demente - vor allem Alzheimerkranke - einen enormen Bewegungsdrang. Dieser dient dem Abbau innerer Spannungen. Deshalb ist es besonders wichtig, dass sie die Möglichkeit haben, diesen ungehindert auszuleben. Aber auch die Gestaltung des Heimes und der Räume sollte freundlich und offen sein, da die Kranken viel Licht und Luft benötigen. In dunklen Zimmern reagieren sie leicht ängstlich oder aggressiv. Vor allem bedrohlich wirkende Schatten können bei den dementen Menschen Fehldeutungen hervorrufen. Eine unfreundliche und dunkle Umgebung, wirkt sich somit natürlich auch negativ auf den Appetit aus.

Eine sinnvolle Einrichtung sind Wohnküchen, in denen die Bewohner zusammen mit den Betreuern ihr Essen selbst zubereiten können. Durch den Essensduft wird der Appetit der Patienten gesteigert.

Für einen dementen Menschen, der schwerst pflegebedürftig ist, ist es wichtig, dass er mit "Reizen"quot; versorgt wird. Wenn er die meiste Zeit des Tages im Bett verbringt, sich selber nicht mehr drehen kann, wenn sein Blick stundenlang nur auf eine weiße Wand oder Decke gerichtet ist (siehe Bild ), so wird er sich immer mehr in sich "zurückziehen". Um dem entgegenzuwirken, bietet die Basale Stimulation eine Reihe von Möglichkeiten (siehe Betreuungskonzepte, Kapitel "Basale Stimulation").


Blick aus einem Patientenbett im Krankenhaus, bei einer 30°-Seitenlagerung


Häufig erlebt man im Krankenhaus, dass betagte Patienten eine gewisse Zeit der Eingewöhnung benötigen, bis sie sich im Krankenhaus zurechtfinden. Die sterile Krankenhausatmosphäre trägt nicht dazu bei, dass ein verwirrter Mensch sich wohl fühlen kann. Schon allein durch die Hygienevorgaben ist es schwierig ein angenehmes Milieu zu schaffen. Die Intimsphäre des Patienten wird oft durch die durchzuführenden Untersuchungen gebrochen. Deshalb ist es bereits im Vorfeld ratsam, Sinn und Nutzen jeder einzelnen Untersuchung genau abzuwägen. Im Krankenhaus gibt es aber auch noch andere Faktoren, welche sich nicht immer günstig auf die Psyche, bzw. auf den Appetit des Dementen auswirken. Sei es die Geruchsbelästigung durch Mitpatienten oder auch das unbekannte Pflegepersonal. Auch hier ist die Unterstützung durch die Angehörigen bei der Pflege besonders wichtig, damit der Patient den Krankenhausaufenthalt möglichst komplikationslos übersteht.

Hier finden Sie eine Checkliste woran man ein gutes Pflegeheim erkennen kann
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Depressionen

Essensverweigerung kann Ausdruck einer Depression sein.  Zum einem können Depressionen mit Medikamenten behandelt werden. Es gibt aber auch psychotherapeutische Methoden, bzw. Betreuungskonzepte, welche eine positive Auswirkung auf die Stimmung der Dementen haben, vor allem das Konzept der Validation ( siehe Kapitel "Validation") hat sich in der Praxis bewährt. Hierzu gibt es zwar nur wenige Studien, welche eine Effektivität der Validation wissenschaftlich belegen können. Diese Methode wird aber von vielen Pflegenden sehr positiv aufgenommen. Sie schätzen vor allem den menschlichen Aspekt der Validation[2].

Aggressionen

Ursache für eine Nahrungsverweigerung kann auch ein Angriff gegen sich selbst sein. Manche verwirrte Menschen nehmen dies ganz bewusst in Kauf, wenn sie den Gegner, den sie treffen wollen, nicht mehr treffen können[3]. Meist ist also die Verweigerungshaltung die einzige Möglichkeit ihren Willen bzw. Protest gegen eine Person oder Umstände auszudrücken. Aggressionen sind meist eine Bewältigungsstrategie durch Projektion, um mit den eigenen Defiziten, welcher der Betroffene nicht wahrhaben will, fertig zu werden. Aggressionen können bei Dementen sehr schnell entstehen, weil sie die Situationen oft ganz anders wahrnehmen als Gesunde.

Wichtig ist es deshalb, dass die Gefühle des Dementen wahrgenommen und beachtet werden. Oft erlebt man, dass Betreuende mit dementen Patienten streiten. Sie versuchen die Auseinandersetzung auf rationelle und "vernünftige" Art und Weise zu lösen. Wenn dies nicht den Konflikt löst, versuchen sie ihre intellektuelle Überlegenheit auszuspielen, um so den Patienten zum Einlenken zu bewegen. Dies ist "ein Kampf gegen Windmühlen". Die Aggression des Dementen bleibt unbeachtet und somit bleibt sie erhalten. Der Betreuende ist unzufrieden, weil er den Streit nicht versöhnlich enden konnte. Dies kann dann so weit führen, dass der Demente versucht sich mit "Gewalt" zu wehren, denn durch "Argumente" kann er nicht mehr überzeugen. Den einzigen, den er noch angreifen kann ist seine eigene Person: "Er" ist es nicht mehr Wert Nahrung zu bekommen.

Angst

Wen ein gesunder Mensch Angst hat, gibt es viele Möglichkeiten dieser zu begegnen. Eine Möglichkeit ist, dass man mit anderen darüber spricht, eine andere, dass man versucht den Situationen, die einem Angst machen aus dem Weg zu gehen.

Aber wie ist das für einen dementen Menschen? Wie kann ein dementer Mensch, der jeden Tag grundpflegerisch betreut wird, weil er nicht mehr selbst in der Lage ist sich zu waschen, der Harn und Stuhlgang nicht mehr kontrollieren kann - wie soll dieser verhindern, dass er jeden Tag an seinen intimsten Stellen berührt wird? An Stellen, die vorher nur seine engsten Freunde, Verwandte und Lebenspartner berühren durften? Besonders, wenn er von fremden Personen versorgt wird, hat er keine Möglichkeit sich dagegen zu wehren.

Wenn ein gesunder Mensch mit einem anderen kommuniziert, so haben beide eine gemeinsame Realität als Grundlage. Verwirrte leben häufig in einer anderen Welt, die sich der Kommunikation mit anderen verschließt.

Wenn ihnen dann nicht geholfen wird, sich in ihrer Welt zurechtzufinden, so kann sich diese Angst steigern. Hierzu ein Zitat von Carl Gustav Jung: "Gefühle, die ausgedrückt und dann von einem vertrauten Zuhörer bestätigt und validiert (beachtet, geschätzt) wurden, werden schwächer, ignorierte oder geleugnete Gefühle stärker. Aus einer nicht beachteten Katze wird ein Tiger."

Wahnvorstellungen

In ihrer Welt entwickeln Demente sehr häufig Wahnvorstellungen. Ein Beispiel ist der Vergiftungswahn: Die Patienten bilden sich ein, man würde sie vergiften wollen.

Solche Vorstellungen können durch Handlungen von Pflegepersonen entstehen, welche für den Verwirrten zweideutig sind (siehe auch Aggressionen). Oft versucht man bei Patienten, welche sich weigern die Medikamente einzunehmen, diese im Essen zu "verstecken". In der Regel merken es aber die Patienten, was zu einem Vertrauensverlust beim Dementen führt. Aus seiner Sicht wurde ohne sein Wissen versucht ihm "etwas" zu verabreichen. Die Annahme, dass dies Gift sein müsse, ist nicht ganz unverständlich. Deshalb ist es besonders wichtig, durch offene und einfach nachvollziehbare Handlungen und Kommunikation das Vertrauen des Dementen wieder zurückzugewinnen, bzw. zwielichtige Handlungen zu vermeiden, um es gar nicht erst zu dieser Problematik kommen zu lassen. Man darf sich vor allem durch die Wahnvorstellungen nicht kränken lassen, auch wenn diese gegen die pflegende Person gerichtet sind ("Du willst mich vergiften").

Hinter einem Wahn verbirgt sich oft ein Kontaktwunsch und das Bemühen, eigenes Versagen zu verleugnen.


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Literaturverzeichnis

[1] vgl. Teigeler B., Ein Stück Zuhause, in: Die Schwester/Der Pfleger, 41. Jahrgang, 08/02, S. 668

[2]vgl. Radzey B, Kuhn C., Rauh J., [Qualitätsbeurteilung der institutionellen Versorgung und Betreuung dementiell Erkrankter (Literatur-Expertise), Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend]. Kohlhammer, Stuttgart; Berlin; Köln, 2001,Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Bd. 207.1

[3] vgl. Eyke G., ["Ich krieg nichts rein", 1990], Konflikte um Essen und Trinken sind oft Stellvertreter für Machtkämpfe im Altenheim, in: Altenpflege, Jahrg. 15, Heft 5, S. 279-281


 

Stand: Copyright © 2002 [Christian Kolb]. Alle Rechte vorbehalten.
02. Mai. 2002 17:30

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