NAHRUNGSVERWEIGERUNG

Ursachen I

Körperliche Ursachen

II Seelische Ursachen

III Ursachen nach Borker

Die "Kunst" die Ursachen für eine Nahrungsverweigerung zu ergründen, besteht zunächst in der Beantwortung der Frage: Kann der Patient nicht essen oder will er nicht essen? Dies hört sich zwar sehr einfach an, ist es aber nicht. Je weniger man mit dem Dementen noch kommunizieren kann, um so genauer muss man ihn beobachten und einfühlsam sein Problem zu bestimmen versuchen.

Zunächst können körperliche Ursachen der Grund für Nahrungsverweigerung sein. Möglicherweise liegt es daran, dass dem Patienten das Essen einfach nicht schmeckt und daraufhin sein ablehnendes Verhalten als Nahrungsverweigerung gedeutet wird. Dies spielt natürlich eine große Rolle, wenn die Betreuten im Heim oder in einem Krankenhaus versorgt sind, da hier durch das eingeschränkte Essensangebot nicht immer die Möglichkeit besteht, auf jeden Essenswunsch einzugehen. Gerade dann ist man auf die Hilfe der Angehörigen angewiesen, welche dann zu Hause die Speisen zubereiten und diese mitbringen.

Außerdem spielt die Geschmacksempfindlichkeit eine große Rolle bei Essstörungen. Jeder gesunde Mensch kann bestätigen: Wenn das Essen schmeckt, isst man gerne und viel. Wie ist das aber im Alter? Untersuchungen ergaben, dass sich in einem Lebensalter von 75 Jahren die Geschmacksknospen um 65% reduziert haben [1]. Somit wird das Essen nicht mehr als so "schmackhaft" empfunden, wie bei einem jüngeren Menschen. Hierbei spielen auch Zahnprothesen eine große Rolle, denn Träger von Zahnprothesen müssen oft Einbußen in der Geschmacksempfindlichkeit hinnehmen, wobei Vollprothesenträger stärker betroffen sind als diejenigen mit Halbprothesen [2]. Daneben treten andere Probleme bei Gebissträgern auf:
"Die im Alter herabgesetzte Kaufähigkeit ist im wesentlichen durch Gebissschäden und Prothesen bedingt. Geäußerte Klagen wie, das Brot oder das Fleisch sei zu hart, oder die Speisen seien zu schlecht gewürzt, legen die Überlegung nahe, dass altersbedingte Veränderungen des Geschmacksinnes, sowie gebissbedingte Einschränkungen, Empfindlichkeiten und Probleme beim Essen hervorrufen" [3].

Krankhafte Störungen im Mund/Rachenraum sind sehr häufig die Ursache für Probleme bei der Nahrungsaufnahme. Als Beispiele sind hier zu nennen: Entzündungen der Mundschleimhaut oder des Halses, Verletzungen der Zunge, eine schlecht angepasste Zahnprothese oder die scharfe Kante eines beschädigten Zahnes. Ebenso können auch krankhafte Störungen im Magen-Darm Trakt oder auch Verlegungen der Verdauungswege, zum Beispiel durch Tumore, das Essverhalten negativ beeinflussen. Übelkeit und Erbrechen sind eine weitere Ursache für Essstörungen. Häufiger Auslöser sind dabei vor allem die Nebenwirkungen von Medikamenten. Viele Medikamente können Übelkeit sowie "Unwohlsein" verursachen.

Der Schluckvorgang selbst, welcher für den Gesunden bzw. Jungen ganz selbstverständlich abläuft, kann im Alter langsamer vonstatten gehen. Bei über 80jährigen ist eine Reduzierung der Peristaltik des Schlund-Rachenbereiches und ein leicht verzögertes Eintreten des Schluckreflexes festzustellen [4]. Dies gilt natürlich besonders für Demenzpatienten, welche bedingt durch den degenerativen Abbau des Nervengewebes im Gehirn ganz besonders unter solchen neurologischen Störungen leiden können. Schluckstörungen im Endstadium der Erkrankung sind fast immer zu erwarten. Aber auch hier können Nebenwirkungen von Medikamenten wieder eine Rolle spielen. Besonders Psychopharmaka, die bei der Behandlung von Dementen sehr häufig eingesetzt werden, verursachen Schluckstörungen.

Eine Folge des Gehirnabbaus ist auch, dass Alzheimerpatienten während den Mahlzeiten vergessen, dass sie essen. Selbst wenn sie einen Bissen im Mund haben, denken sie nicht mehr daran diesen hinunter zu schlucken. Dies führt dann häufig dazu, dass die Nahrung aspiriert wird. Die Folge ist eine sogenannte Aspirationspneumonie.

Körperliche Ursachen können auch Schmerzzustände sein, besonders chronische Schmerzen, welche bedingt durch die evtl. fehlende Kommunikationsfähigkeit nicht erkannt werden. Hier liegt es an der Erfahrung der Pflegenden, solche Schmerzen anhand von nonverbalen Äußerungen zu erkennen.


Ein amerikanisches Lehrvideo zum Erfassen von Schluckstörungen bei Senioren mit Artikel

Preventing Aspiration in Older Adults with Dysphagia from Hartford Institute on Vimeo.

http://www.nursingcenter.com/pdf.asp?AID=770844 |

Auf der Internetseite der Alzheimer-Gesellschaft Baden-Wüttenberg e.V.
finden Sie eine sehr differenzierte Zusammenfassung von G. Schwarz
zum Thema Schmerz bei dementen Menschen
http://www.alzheimer-bw.de/cms/0001/detail.php?nr=4239&kategorie=0001 |

Pflegewissenschaftlicher Artikel zu den Stärken und Schwächen der bisher vorhandenen Instrumente zur Schmerzerfassung dementiell erkrankter Menschen
http://www.charite.de/pvf/dokumente/Fischer_Pflegezeitschrift_06_07.pdf |
und hier der Link zu einer vorläufigen Version der ECPA oder BISAD
http://www.charite.de/pvf/projekte/demenz.html |

weitere Versionen:

Schmerzskalen, die in dem Impulsreferat von Hr. Schwarz angesprochen werden:
ECPA |
PAINAD |

Die Painaid wurde nun von der DEUTSCHEN GESELLSCHAFT ZUM STUDIUM DES SCHMERZES e.V. (DGSS) übersetzt.
Die BESD-Skala gibt es unter folgendem Link
www.dgss.org 

Pain Assessment in Older Adults from Hartford Institute on Vimeo.

Schmerzassement: Englischer Artikel zum Film Chapter II (Englisch)

http://www.nursingcenter.com/pdf.asp?AID=800535 |

Zahnpflege in der Geriatrie (englischer Lehrfilm)und Internetseite der Deutschen Gesellschaft für AlterszahnMedizin mit Schulungs CD für Pflegekräfte:

http://consultgerirn.org/resources/media/?vid_id=5400015#player_container |

http://www.dgaz-online.de/tpl/index.php/willkommen.html |


Neben Schmerzen gehören aber auch die Nebenwirkungen von Medikamenten zu den nicht zu unterschätzenden Ursachen für Ernährungsprobleme bei alten und eben auch dementen Menschen. Je mehr Medikamente eingenommen werden um so größer die Wahrscheinlichkeit, dass eine der unerwünschten Nebenwirkungen auftreten kann. In nachfolgender Tabelle sehen Sie, welche Medikamente Einfluss nehmen können auf das Essverhalten.

Appetitverlust Digoxin, Captopril, Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), Antibiotika, Digitalis, Antihistaminika, Sedativa, Neuroleptika, Tricyclica, Tranquillizer
Gestörtes Geschmacksempfinden Captopril, Penicillin, Antihypertensiva, Analgetica, Antidiabetica, Psychopharmaca, Zytostatica, Vasodilatatoren
Mundtrockenheit Anti-Parkinson-Mittel, Tricyclica, Antihistaminica, Anticholinerge Mittel, einzelne psychtropische Medikamente
Übelkeit Antineoplastische Medikamente (Zytostatica), Antihypertensiva
Somnolenz Psychopharmaca

Quelle: MDS (2003) Grundsatzstellungnahme. Ernährung und Flüssigkeitsversorgung älterer Menschen. S. 120

Hervorzuheben sind sicherlich die Psychopharmaka, deren inadäquater Einsatz zu erheblichen Einbußen in der Lebensqualität dementer Menschen führen kann.

In seinem Artikel | "Grenzen der Bedarfsmedikation durch das Pflegepersonal" | weist der Jurist Lutz Barth auf die Pflichten des Arztes bei der Verordnung von Psychopharmaka hin. Die selbständige Gabe von Psychopharmaka durch Pflegekräfte unter dem Deckmantel der Bedarfsmedikation entspricht zwar dem Vorgehen in der Praxis, nicht aber den rechtlichen Grundlagen.
PDF-Datei |

Grafische Darstellung der Ursachen |


Seelische Ursachennächste Seite |


Literaturverzeichnis

[1] Corr D.M.; Corr C.A, Gerontologische Pflege, Herausforderung in einer alternden Gesellschaft, 1. Auflage. Verlag Hans Huber, Bern; Göttingen; Toronto; Seattle, 1992

[2] Corr D.M.; Corr C.A, Gerontologische Pflege, Herausforderung in einer alternden Gesellschaft, 1. Auflage. Verlag Hans Huber, Bern; Göttingen; Toronto; Seattle, 1992

[3] Knobling C., Konfliktsituationen im Altenheim, Eine Bewährungsprobe für das Pflegepersonal. Lambertus-Verlag, Freiburg im Breisgau, 1985

[4] vgl. Brunen M.H.; Herold E. E., Ambulante Pflege: Die Pflege Gesunder und Kranker in der Gemeinde, Band 1: Grundlagen, Pflegeanleitung, Pflegeberatung, Pflegeprozess, Ganzheitliche, integrative Pflege, Kommunikative Methoden. Schlütersche Verlag, Hannover, 1995


 

Stand: Copyright © 2002 [Christian Kolb]. Alle Rechte vorbehalten.
02. Mai 2002 17:30

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