Überdenken der Rolle von Sondenernährung
bei Patienten mit fortgeschrittener Demenz
20.01.2000
Ein Nebenprodukt des zunehmenden Altersanstiegs der Bevölkerung, ist der dramatische Anstieg der Erkrankungsrate von Morbus Alzheimer und anderen Demenzformen. Vorsichtige Einschätzungen deuten daraufhin, dass gegenwärtig 4 Mio. Amerikaner an Demenz erkrankt sind. Wenn Patienten das Endstadium der Demenz erreichen, ein Zeitpunkt wo sie nicht mehr fähig sind zu gehen oder selbständig zu essen, inkontinent sind, aphatisch (nicht mehr sprechen können) und ihre Fähigkeit verlieren zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, sind ihre Familien oder Betreuer gefordert schwierige und schmerzhafte Entscheidungen über Einschränkungen der Fürsorge. Sollen sie Einwilligungen für Operationen geben? Soll stationäre Betreuung in Anspruch genommen werden? Intravenöse Medikamentengabe? Ist die vorgeschlagene Behandlung übermäßig belastend für den Patienten der ihren Zweck nicht verstehen kann, und an seinem Lebensende steht? Unter den vielen Entscheidungen, die Familienangehörige und Ärzte über die medizinische Versorgung dementer Patienten treffen müssen, kostet keine mehr Überwindung, als die Entscheidung in Bezug auf künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr. Trotz der anwachsenden bioethischen Literatur die einwendet, dass Sondenernährung nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, und trotz der mehrheitlichen Meinung des Obersten Gerichthofes der USA der befindet, dass künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr eine Form von medizinischer Betreuung ist, erklären Familien immer wieder, dass sie ihre Angehörigen nicht "zu Tode hungern" lassen können. Sie haben oft das Gefühl keine andere Wahl zu haben, außer ihre Einwilligung für eine Ernährungssonde zu geben. Viele Ärzte sind entweder nicht vertraut mit den folgenden Argumenten, oder nicht völlig davon überzeugt: Eine Studie unter 1446 Pflegenden, belegt, dass 34% aus dem Krankenhausbereich und 45% aus dem Pflegeheimbereichs nehmen an, dass auch wenn lebensunterstützende Maßnahmen wie künstliche Beatmung und Dialyse nicht mehr durchgeführt werden, Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr in jedem Falle weitergeführt werden sollte. Daraus resultiert, wenn Patienten mit fortgeschrittener Demenz Schluckstörungen entwickeln oder ihr Interesse am Essen verlieren, oft die Entscheidung getroffen wird eine PEG-Sonde zu legen. Das Legen von PEG-Sonden wird mit wachsender Häufigkeit durchgeführt: 1995 wurden 121000 Magensonden gelegt bei älteren Patienten, von denen ungefähr 30% Patienten mit Demenz waren. Wie können wir Ärzten, Patienten und deren Betreuern in ihren Bemühungen helfen, ein mitfühlendes, moralisch vertretbares Urteil aus medizinischer Sicht zu treffen, hinsichtlich der Behandlung einzelner Patienten mit fortgeschrittener Demenz? Im Idealfall sollten solche Entscheidungen wiederspiegeln, was der Patient bevorzugt und schätzt und sollten aus einem klaren Verständnis des Ziels der ganzheitlichen Pflege entstehen. Unglücklicherweise ist oft nicht bekannt, was der Patient selbst bevorzugen würde und somit die Zielsetzung in Bezug auf lebensverlängernden Maßnahmen, Förderung der Selbstständigkeit im Bereich der Aktivitäten des täglichen Lebens, oder Gewährleistung maximalen Wohlbefindens können nicht leicht in die Praxis übertragen werden. Im speziellen Fall der künstlichen Ernährung, möglicherweise das emotionalste Problem von allen an die Behandlungsgrenzen stoßenden Dilemmas, können neue Daten die im letzten Jahrzehnt gesammelt wurden im Entscheidungsprozess helfen. Die Patienten mit Demenz deren Betreuer sich für eine PEG-Sonde entschieden, tun dies, weil sie auf eine Verlängerung des Lebens hoffen und um einer Aspirationspneumonie vorzubeugen, sie möchten Leiden vermeiden, oder ihre Wertvorstellungen besonders ihre religiösen Überzeugung, schreibt vor, dass eine Grundernährung nicht vorenthalten werden darf. Ich möchte dafür argumentieren, dass neue Informationen die Schlussfolgerung unterstützen, dass PEG-Sonden selten das gewünschte medizinische Ziel erreichen und das sie anstatt vor Leiden zu bewahren eher Leiden verursachen können. Darüber hinaus, wie auch viele weltliche Bioethiker argumentiert haben, dass Sondenernährung nicht erforderlich ist bei einer fortgeschrittenen Demenz, haben in den letzten Jahren auch immer mehr religiöse Ethiker den selben Standpunkt vertreten. Das Schwergewicht auf die wissenschaftliche Beweise legend, hinsichtlich der Effektivität und den nicht vorhanden sein eines zwingenden ethischen Gegenarguments, möchte ich vorschlagen, dass Ärzte, Pflegeheime und Krankenhäuser Empfehlungen gegen den Gebrauch von PEG-Sonden bei fortgeschrittener Demenz herausgeben.
