Medizinethik

Ulmer Studie

Enterale Ernährung von Demenzpatienten über PEG:
Inzidenz und Patientencharakteristiken im Raum Ulm

Fragestellung: Die enterale Ernährung über PEG-Sonde als Therapieform von Unterernährung und Exsikkose bei schwer Demenzkranken wird weltweit kontrovers diskutiert. Daten zur Häufigkeit, zu Patientencharakteristika und zur Indikationsstellung sind in Deutschland rar. Ein Ziel der vorgestellten Studie ist es, die Inzidenz dieser Behandlungsform zu bestimmen und die betroffenen Patienten zu charakterisieren.

Methodik:

Über ein Jahr wurden in einer longitudinalen Beobachtungsstudie im Raum Ulm (ca. 200000 Einw.) über die sondenanlegenden Stellen alle schwer Demenzkranken erfasst und nach Einwilligung durch Betreuer/Familienangehörige zum Zeitpunkt der Sondenanlage, ein und sechs Monate später besucht. Daten zur medizinischen Vorgeschichte wurde über Hausärzte und Pflegepersonal erhalten. Der Ernährungs- und der geriatrische Status wurde standardisiert über ein Pflegeinterview und eine Untersuchung der Patienten erhoben. Das Untersuchungsprotokoll schloss neben gängigen Assessmentskalen (Barthel-ADL, MMSE, MNA) speziell für schwer Demenzkranke entwickelte Instrumente (BANS-S, SIRS, BARS, Discomfortscale-DAT) ein.

Ergebnisse:

Die geschätzte Inzidenz von neu angelegten PEG-Ernährungssonden bei Demenzkranken beträgt 19-26/100000 Einwohner/Jahr. Für den Pflegeheimbereich sind 38-53/1000 Pflegeheimbetten/Jahr anzunehmen. 75% der Patienten kommen aus dem Pflegeheim und es scheint Häufungen bei bestimmten Heimen und Ärzten zu geben. Über 35% der Sonden werden aber auch während eines stationären Aufenthaltes gelegt. Es handelt sich durchweg um hochaltrige (Durchschnittsalter: 86 Jahre) Patienten mit fortgeschrittener Demenz, die sich jedoch bei Anwendung geeigneter Messskalen in verschiedene Untergruppen unterteilen lassen. Die meisten Patienten nahmen vor PEG-Anlage nur noch geringfügig orale Nahrung zu sich, über die Hälfte der Patienten waren in schlechtem Ernährungszustand. Daten zum Verlauf befinden sich in der Auswertung.

Schlussfolgerung:

Eine beträchtliche Zahl von schwer Demenzkranken in Deutschland erhält eine in ihrem Nutzen umstrittene Behandlung, wobei die Präferenz für die Behandlung zwischen Ärzten und Pflegeheimen variiert. Es handelt sich um eine heterogene Patientengruppe, die aber nur mit geeigneten Messinstrumenten als solche charakterisiert werden kann. Inwieweit bestimmte Charakteristika prädiktiv für den Behandlungserfolg sind, muss weiter untersucht werden.

B. Scheppach, C. Möhrer, H. Can, J. Brückel,
Th. Nikolaus
Bethesda Geriatrische Klinik,
Akademisches Krankenhaus der Universität Ulm,
Zollernring 26, 89073 Ulm

Quelle: (Euro J Ger Abstractband Vol. 1 (1999) No. 1) European Journal of Geriatrics

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