Medizinethik

Medical Tribune Onlinebericht

Wenn Schwerkranke nicht mehr leben wollen
Verhungern sanfter als Sterbehilfe?

OREGON - Auf jegliche Nahrung und Flüssigkeit verzichten - das stellt für Patienten, die nicht mehr leben wollen, eine Möglichkeit zum Freitod dar. Doch wie lange dauert es und mit welchen Leiden ist ein solcher Entschluss verbunden?

Scheinbar ist es gar nicht so selten, dass Patienten durch Nahrungsentzug ihrem Leben ein Ende bereiten. Im amerikanischen Bundesstaat Oregon hat jede dritte Krankenschwester in den letzten vier Jahren mindestens einen solchen Patienten betreut, berichten Dr. Linda Ganzini aus Portland und ihre Kollegen im "New England Journal of Medicine". Sie hatten alle 429 Krankenschwestern des Bundesstaates, in dem übrigens ärztliche Sterbehilfe erlaubt ist, angeschrieben und um Auskünfte gebeten. 307 machten mit.

Typische Gründe für
Die meisten Patienten, die sich auf diese Weise selbst das Leben nahmen, waren über 80 Jahre alt, krebskrank und bereit zu sterben. Sie sahen keinen Sinn mehr in ihrem Leben und schätzen ihre Lebensqualität als gering ein. Auch der Wunsch, zu Hause zu sterben und die Umstände des Todes selbst zu kontrollieren, spielten eine Rolle. Unerträgliche körperliche Symptome, Depressionen oder andere psychiatrische Erkrankungen sowie mangelnde soziale Unterstützung lagen dagegen wesentlich seltener vor. Laut Angaben der betreuenden Krankenschwestern verstarben 85 % der Patienten innerhalb von 15 Tagen nach Beginn der Nahrungsverweigerung. Auf einer Skala von 0 (sehr schlimmer Tod) bis 9 (sehr guter Tod) entschieden sich die Betreuerinnen im Mittel für eine acht und beschrieben die Zeit bis zum Tod als friedlich. Nach ihrer Einschätzung litten diejenigen, die durch Nahrungsverzicht starben, insgesamt sogar weniger als solche mit Sterbehilfe. Nur drei der 102 Krankenschwestern hatten ethische Bedenken, die Patienten sterben zu lassen. Auch die Familienmitglieder akzeptierten in der überwiegenden Zahl der Fälle die Entscheidung ihrer Angehörigen.

MTD, MW - Linda Ganzini et al., N Engl J Med 2003; 349: 359 - 365 , Freitag, 19. September 2003
Diesen Text finden Sie hier: http://m03.gesundheit.nu/GMS/bericht/sterbehilfe190903
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