Offener Brief zur Sterbehilfe-Debatte
Den Newsletter patientenverfuegung.de
und den Humanistischen Verband Deutschlands haben in den letzten Wochen
zahlreiche Briefe erreicht. Viele Bürger/innen machen deutlich, dass es "die
Kirche" nicht gibt, dass sie mit den Verlautbarungen ihrer offiziellen
Kirchenvertreter nicht übereinstimmen.
Wir veröffentlichen hier stellvertretend für "Stimmen von BürgerInnen"
den offenen Brief von Frau Edith Höltmann, München:
Sehr geehrte Frau Nickels! Sehr geehrte Frau Vollmer! Sehr geehrter Herr Bischof Huber!
Wenn eine große Zahl von BürgerInnen fordert, dass Patientenverfügungen
rechtlich bindend sein sollen, dann haben die von ihnen gewählten
VolksvertreterInnen darüber zu debattieren und einen Mehrheitsbeschluss
herbeizuführen. Wenn eine große Zahl von BürgerInnen für sich die Zulassung der
Sterbehilfe wünscht, dann haben die von ihnen gewählten VolksvertreterInnen
darüber zu debattieren und einen Mehrheitsbeschluss herbeizuführen. Nach meiner
Auffassung haben die Gewählten weder die Pflicht noch das Recht, eine
parlamentarische Behandlung dieser Fragen zu verhindern; auch die Kirchen haben
dazu weder Pflicht noch Recht. Angesichts der Tatsache, dass in deutschen
Pflegeheimen nicht einmal SATT UND SAUBER gewährleistet sind, empfinde ich es
als zynisch, nur eine Verbesserung der Palliativversorgung und ein Hospiznetz zu
fordern. Das ist doch genauso realitätsfern wie die Forderung nach
Vollbeschäftigung.
Vielleicht haben Sie ja recht, Herr Bischof Huber: Die
Legalisierung der aktiven Sterbehilfe wäre eine Bankrotterklärung der
Menschlichkeit, aber eben nur die Erklärung, bankrott ist die Pflege schon
lange. Die Würde des Menschen ist nicht unantastbar, weil das im Grundgesetz
steht. Das GG verpflichtet nach meiner Auffassung die Gewählten, darüber zu
debattieren, was unantastbar heute im Hinblick auf die Selbstbestimmung bis zum
Tod heißt.
Ich bin 71 Jahre und lebe allein und ich empfinde es als gefühllos,
meinen Versuch vorzusorgen als zeitgeistig abzutun. PolitikerInnen haben doch
die Aufgabe, die Probleme der Zeit und der absehbaren Zukunft zu bearbeiten. Ich
habe nicht nur Angst vor Schmerzen, vor Vernachlässigung und davor, dass andere
sich vor mir ekeln - die größte Angst habe ich davor, dass ich als Reaktion auf
das, was mir angetan wird, böse werde, böse vielleicht noch zu denen, die ihr
Äußerstes für mich tun. Ich will mir nicht wünschen müssen, nie geboren zu sein,
ich will nicht mit Verwünschungen auf die Menschen sterben müssen. Es würde für
mich bedeuten, umsonst gelebt zu haben. Es bliebe kein guter Samen von mir in
der Menschenfamilie. Vor den Fortschritten der Medizin konnten Sterbende sich
sagen, ihr Leiden sei Gottes Wille oder so sei die Natur eben. Aber was soll ich
mir sagen, wenn ich (ohne oder gar gegen meinen Willen) an einer Magensonde
hänge, durch die nur die Kraft zum Leiden kommt?
Die Politik muss klären, welche Therapie ich fordern und welche ich ablehnen darf. Wer gegen die
parlamentarische Behandlung der Sterbehilfe ist, weil er fürchtet, am Ende
könnte die Mehrheit dafür sein, ist in meinen Augen antidemokratisch. Die
meisten Gegner der Sterbehilfe tun so, als ginge es um die Legalisierung der
Blutrache oder die Wiedereinführung der Todesstrafe. Wer den Leuten weismachen
will, früher sei in den Familien, überhaupt in der Gesellschaft alles gut
gewesen, den alten Leuten sei es gut gegangen, der versündigt sich auch; ich
habe neulich das Wort Altsitzerpulver kennen gelernt: Manche Altsitzer hatten
Angst, mit Arsen entsorgt zu werden.
Mit freundlichem Gruß
Edith Höltmann
