Lebt der Mensch vom Brot allein?

 

Kritische Anmerkungen

der Arbeitsgemeinschaft für Pflege und Ethik in der Akademie für Ethik in der Medizin*

 

zu der ”Grundsatzstellungnahme Ernährung und Flüssigkeitsversorgung älterer Menschen”**

des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen

 

 

Der Medizinische Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen hat im Juli 2003 eine ”Grundsatzstellungnahme Ernährung und Flüssigkeitsversorgung älterer Menschen” herausgegeben. Anhand dieser Grundsatzstellungnahme soll die Qualität der Pflege geprüft und verbessert werden. Es zeichnet sich ab, dass sie Eingang in die Ausbildung der Pflegenden findet. Ernährung und Flüssigkeitsversorgung älterer Menschen gehören zu den problematischsten und belastendsten Aufgaben im Alltag der Pflege. Die Arbeitsgruppe Pflege und Ethik der Akademie für Ethik in der Medizin begrüßt deshalb, daß der Medizinische Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen den Handlungsbedarf auf diesem Gebiet herausstellt.

 

Die Arbeitsgemeinschaft Pflege und Ethik warnt aber davor, diese Grundsatzstellungnahme unkritisch zu übernehmen. Sie verengt den Blick und blendet die soziale Wirklichkeit mit den tatsächlichen Problemen aus. Im einzelnen:

 

Die Autoren der Grundsatzstellungnahme gehören alle dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen an. Spezifisch mit dem Alter befasste Disziplinen (Gerontologie, Psychologie, Soziologie, Ethik) und Interessenverbände (Seniorenorganisationen, Demenz-Selbsthilfegruppen, Heime) sind offenbar nicht einbezogen worden.

 

Die sozialen und kulturellen Aspekte von Essen und Trinken werden im Kapitel Physiologie und soziale Aspekte auf einer (!) von 13 Seiten zutreffend geschildert. Für das allen Maßnahmen notwendigerweise vorhergehende Assessment des Ernährungsstatus (Kap. 4) bleiben sie aber unberücksichtigt.

 

Das Fehlen anerkannter Standards für Ernährungszustand und Essverhalten (S. 43) wird zwar erwähnt und die unzureichende Datenlage zum Problem der Ablehnung von Nahrung referiert (S. 62ff.). Es werden auch durchaus weitreichende praktische Ratschläge gegeben (z.B. S.55-59), die Meßmethoden zwecks Evaluation beschränken sich aber im Wesentlichen auf den aus medizinischer Sicht definierten Ernährungsstatus.

 

Tatsächliche Defizite im Alltag der Versorgung älterer Menschen werden zwar erwähnt (S. 14, S. 62ff.); gegenübergestellt werden ihnen aber lediglich die gesetzlichen Anforderungen. Es wird zustimmend zitiert (S. 22): ”Das Handeln des Arztes muss aber in jedem Fall vom Patientenwillen bestimmt werden”. Der Hinweis darauf, dass das für die Pflegenden in gleicher Weise gilt, fehlt. Die Verantwortung für Organisationsdefizite und Ressourcenmängel, die nicht bei den Pflegenden selbst liegen kann, bleibt ausgeblendet.

 

Zwischen Nicht-essen-können und Nicht-essen-wollen wird richtigerweise unterschieden und eine schwedische Arbeit zitiert (S. 63): ”Pflegende waren in dieser Studie häufig nicht in der Lage zu erkennen, ob die von ihnen betreuten Menschen nicht essen können oder nicht essen wollen”. Dass aber Nicht-essen-wollen Ausdruck eines langsamen Abschieds vom Leben oder von beginnender Todesnähe und die Ablehnung von Nahrung als letzte verbliebene Möglichkeit der Selbstbehauptung in einem Pflegeheim verständlich sein kann, bleibt unbeachtet.

 

Unter der Überschrift Ethische Aspekte im Kapitel Versorgungskontext heißt es u.a.: ”Paternalismus bedeutet in diesem Kontext das Prinzip der ärztlichen Fürsorge”...”Der sogenannte mutmaßliche Wille stellt gewissermaßen die paradoxe Synthese zwischen Paternalismus und Autonomie dar”. Diese Sätze sind unhaltbar: Tatsächlich ist Paternalismus gerade eine Fehlform von Fürsorge, ”mutmaßlicher Wille” ist ein korrekter Rechtsbegriff, richtig verstandene Fürsorge dient der Selbstbestimmung.

 

Die Hauptträger der Ernährung und Flüssigkeitsversorgung älterer Menschen sind die Pflegeberufe. Der Medizinische Dienst widmet der Ernährungsphysiologie, der Mangelernährung und Dehydratation und den berufsrechtlichen Forderungen den größten Teil seiner Grundsatzstellungnahme. Da er den sozialen, kommunikativen und organisatorischen Kontext weitgehend ausblendet, schiebt er indirekt den Pflegenden die Verantwortung für die tatsächlich bestehenden Defizite zu. Die älteren Menschen erscheinen eher als Objekte von Behandlung und weniger als Menschen mit eigenen Gewohnheiten, eigenen Wünschen und einem eigenen Willen. Wenn die Stellungnahme als Grundlage für die Evaluation der Arbeit der Pflegenden und für den Pflegeunterricht benutzt wird, wird das Gegenteil von dem bewirkt, was sie beabsichtigt. Eine wirkliche Verbesserung der Ernährungssituation wird so nicht erreicht, außerdem wird die gesellschaftspolitische Verantwortung für die Beseitigung bestehender Missstände verdeckt.

 

 

Anne Gerling, Krankenschwester, Dipl.-Pflegepädagogin

Dr. theol. Constanze Giese, Krankenschwester, Professorin für Ethik und Anthropologie

Christel Häse, Krankenschwester, M.A. Philosophie und Soziologie

PD Dr. med. Friedrich Heubel, Medizinethiker, Facharzt Neurologie und Psychiatrie

Hella Hildebrandt-Wiemann, Krankenschwester, Dipl.-Pflegepädagogin

Irmgard Hofmann, M.A. (phil.), Pflegeethikerin, Krankenschwester, Supervisorin

Helen Kohlen, Krankenschwester, Studienrätin

Ulrike Krupp, Dipl.-Religionspädagogin, Krankenhausseelsorgerin

Dr. rer. medic. Jutta Müller, Qualitätsmanagementbeauftragte

Monika Podbiel, Krankenschwester, Diplomtheologin

Marianne Rabe, Lehrerin für Pflege, Leiterin Krankenpflegeschule

PD Dr. phil. Theda Rehbock, Philosophin

PD Dr. med. Fred Salomon, Chefarzt für Anästhesie, Theologe

Dagmar Schäfer, Kinderkrankenschwester, Dipl.-Berufspädagogin Pflege

Elke Schlosser, Fachkrankenschwester für Intensivpflege, Philosophin (M.A.)

Dr. med. Andrea Ziegler, Assistenzärztin

 

* Arbeitsgruppen in der Akademie für Ethik in der Medizin e. V. sind offene Foren für den Austausch unterschiedlicher Standpunkte und Positionen. Der Inhalt der von ihnen veröffentlichten Beiträge wird allein von den genannten Autorinnen und Autoren verantwortet.

** Medizinischer Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen e.V. (MDS) (Hrsg.): Grundsatzstellungnahme. Ernährung und Flüssigkeitsversorgung älterer Menschen. Abschlussbericht Projektgruppe P 39. 127 Seiten. Essen, Juli 2003. Erhältlich durch: MDS, Lützowstr.53, 45141 Essen, Tel. (0201)8327-0.