INTERESSANTES
Gedanken III
Im Jahre 2010 werde ich 70 sein ...
[Die Verfasserin des nachfolgenden Briefes an eine Krankenpflegeschülerin leitet in England ein Altenpflegeheim. Sie hat mit diesem Beitrag den Essay-Wettbewerb der Gesellschaft für Altenpflegewesen des Royal College of Nursing gewonnen]
Ich möchte mich Ihnen vorstellen, weil ich im Jahre 2010 siebzig sein werde und dann vielleicht eine Ihrer Patientinnen bin. Da es mir dann vielleicht nicht mehr möglich ist, meine Wünsche auszudrücken, möchte ich Ihnen bereits jetzt erklären, wie ich als Langzeitpatientin behandelt werden möchte.
Erstens möchte ich meine Identität bewahren: Ich heiße Frau Mills und möchte auch so benannt werden. Nicht Oma oder Rose oder die Dame von Bett Nr. 9, sondern Frau Rosemary Mills, das ist der Name, mit dem ich am besten vertraut bin.
Auch sehr wichtig für mich ist mein Privatleben. Könnte ich vielleicht ein eigenes Zimmer bekommen? Wahrscheinlich nicht, aber liebe Schwester, sorgen Sie doch bitte dafür, dass mein Bett durch eine Stellwand abgeschirmt wird, während ich gewaschen und angezogen werde oder Toilette mache.
Wäre es möglich, dass, wenn ich gewaschen werden muss, das Wasser angenehm warm ist, nicht nur lauwarm? Ich wasche mich nicht so gern kalt, und wenn ich alt bin, bin ich noch kälteempfindlicher. Bitte trocknen Sie mich sorgfältig ab, es ist so unangenehm, noch Feuchtigkeit auf dem Körper zu spüren. Und wenn ich gebadet werde, hätte ich es gerne, wenn dies in einem getrennten Raum geschieht, so dass meine Würde nicht verletzt wird. Wenn Sie dann noch das Handtuch für mich vorwärmen könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar.
Solange ich noch als Krankenschwester tätig war, habe ich immer besonders auf meine Fingernägel geachtet. Ich hoffe, dass man sie mir kurz und sauber hält. Außerdem werde ich alle paar Wochen eine Fußpflege benötigen. Falls ich mich nicht mehr alleine anziehen kann, hätte ich gerne, dass die Krankenschwester, die mir dabei hilft, sorgfältig vorgeht, damit ich so nett wie möglich aussehe. So sollen die Blusen und Pullover, die sie mir anzieht, zu meinen Röcken passen, und meine Strickjacken zum jeweiligen Kleid. Ich würde nicht gern verschiedenfarbene Strümpfe und Strumpfhosen mit Laufmaschen tragen oder sehen müssen, dass der Unterrock unter dem Kleid heraushängt und bitte Schwester, drehen Sie nicht meine Strümpfe überm Knie! Wäre es möglich, dass man mich nach dem Anziehen kämmt und bitte, vergessen Sie nicht, mir die Zähne zu putzen!
Einmal in der Woche hätte ich gerne, dass man mir die Haare wäscht und legt, aber bitte - keine farbigen Spangen oder Schleifen ins Haar.
Falls ich tagsüber im Gemeinschaftsraum sitzen muss - wäre es möglich, dass hier zeitweilig etwas Ruhe herrscht? Es ist doch sicher nicht nötig, den ganzen Tag das Fernsehen anzustellen, ganz gleich, ob jemand zuschaut oder nicht.
Wenn man mir ein Buch zu lesen gibt, wäre es schön wenn auch meine Brille, falls ich eine brauche, in Reichweite läge. Wenn ich bei den Mahlzeiten nicht in der Lage bin, mein Essen mundgerecht zu zerkleinern, würden Sie dass dann für mich tun? Falls nötig werde ich auch mit dem Löffel essen, nur sollte das Gericht dann in einer Schüssel serviert werden, damit ich die Speise nicht um den ganzen Teller herumjagen muss. Könnte ich anstelle eines Lätzchens eine Serviette, selbst eine aus Papier, bekommen?
Werden Sie nicht gleich ungeduldig, wenn ich etwas von meinem Tee verschütte oder ich zu langsam bin, und bitte verfallen Sie nicht gleich darauf, mich füttern zu wollen wenn ich etwas Mühe beim Essen habe.
Sollte ich Blase und Darm nicht mehr kontrollieren können - wäre es trotzdem möglich, mich weiterhin als einen normalen Menschen zu behandeln? Könnten Sie versuchen, nicht die Nase zu rümpfen, wenn Sie beim Bettaufschlagen bemerken, dass dieses verschmutzt ist?
Nennen Sie mich nie einen "Schmutzfinken", schimpfen Sie nicht mit mir und bringen Sie mich nicht in Verlegenheit, Sie dürfen nicht glauben, dass ich absichtlich das Bett beschmutzt habe. Darf ich in diesem Fall hoffen, Binden und entsprechende Höschen zu bekommen, anstatt dass mir aus Bequemlichkeitsgründen ein Katheder eingesetzt wird? Ich möchte nicht mit einem Urinbeutel als ständigem Begleiter herumlaufen. Dieser würde zwar die Neugier meiner Enkelkinder wecken, mich selbst aber in Verlegenheit bringen. Könnte man mich trotzdem noch regelmäßig zur Toilette bringen, mir die Binden wechseln und mich nicht den ganzen Tag im Stuhl sitzen lassen, obwohl es eine undankbare Aufgabe ist?
Es wäre sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie sich für meine Familie interessierten, für die Fotografien auf dem Schrank, für meine Enkelkinder, wenn diese mich besuchen; es wäre jedoch nicht nett zu fragen, warum meine Tochter sich nicht um mich kümmert oder warum mein Sohn oder meine Familie mich nicht zu sich genommen haben. Vielleicht bin ich bereits zu behindert, als dass sie mich pflegen könnten, oder sie wollen es erst gar nicht versuchen, was auch immer der Grund sein mag - ich möchte nicht darauf angesprochen werden.
Ich würde es schätzen, falls dies möglich ist, gelegentlich ausgeführt zu werden, vielleicht in einem Kleinbus, um im Frühling die Bäume blühen zu sehen oder die Lämmer auf den Weiden, um im Sommer einen Blick auf das Meer zu werfen oder einfach, um bei schönem Wetter im Garten zu sitzen.
Sollte ich senil sein und ihre Wünsche nicht verstehen - bitte schelten Sie mich nicht, das macht mich nur unruhig und verwirrt. Vielleicht werde ich auch aggressiv, behandeln Sie mich trotzdem freundlich und mit Nachsicht.
Meine Welt wird hier auf der Langzeitstation immer kleiner - darum lassen Sie mich an Ihrer Welt teilhaben. Erzählen Sie mir von Ihrer Familie, Ihren Freunden oder was Sie an Ihrem freien Tag gemacht haben. Meinerseits möchte ich Ihnen von früher erzählen. Tun Sie doch so, als ob es Sie wirklich interessiert, wenn ich Ihnen das gleiche wie gestern und vorgestern erzähle ...
Bedenken Sie, dass etwa die Nachricht von der Heirat einer jungen Krankenschwester oder der Geburt eines Kindes, das Bild einer Braut in ihrem Hochzeitsgewand, oder der Blick auf ein Neugeborenes mich wochenlang beschäftigen und mir Gesprächsstoff liefern können.
Meine Wünsche und Bedürfnisse scheinen kein Ende nehmen zu wollen, Schwester, doch sind sie alle einfach zu erfüllen. Was ich brauche ist Wärme, richtiges Essen und jemanden, der mich liebevoll versorgt. Ich habe Ihnen viel zum Nachdenken gegeben. Sie werden jetzt nicht nur an mich, sondern auch für mich denken müssen.
Rosemary Mills, aus: Informationen Pflegewesen - Liga der Gesellschaften vom Roten Kreuz und Rotem Halbmond, Genf
Die Tage die mir noch bleiben
Selig, die Verständnis zeigen
für meinen stolpernden Fuß
und meine lahmende Hand.
Selig, die begreifen,
dass mein Ohr sich anstrengen muss,
um aufzunehmen, was man zu mir spricht.
Selig, die wissen, dass meine Augen trüb
und meine Gedanken träge sind.
Selig, die mit freundlichem Lachen verweilen,
um ein wenig mit mir zu plaudern.
Selig, die niemals sagen:
"Das haben Sie mir heute schon zweimal erzählt."
Selig, die es verstehen,
Erinnerungen an frühere Zeiten in mir wachzurufen.
Selig, die mich erfahren lassen,
dass ich geliebt, geachtet, und nicht allein gelassen bin.
Selig, die mir in Güte die Tage, die mir noch bleiben, erleichtern.
Aus Afrika
MINDESTANFORDERUNGEN für eine menschenwürdige Grundversorgung, die jedes Pflegeheim in Deutschland garantieren muss (Art. 1 Grundgesetz, § 80 SGB XI) - bei ca 2500 - 3500 EUR/ Monat !
Diese Anforderungen sind nicht kompromissfähig und können daher auch nicht Gegenstand von Verhandlungen sein!!!
JEDER pflegebedürftige Mensch muss TÄGLICH seine Mahlzeiten und ausreichend Getränke/Flüssigkeit in dem Tempo erhalten, in dem er kauen und schlucken kann. Magensonden und Infusionen dürfen nur nach ausdrücklicher und (regelmäßig) kontrollierter medizinischer Indikation verordnet werden. Die Notwendigkeit muss ständig hinterfragt werden! Eine Magensonde als pflegeerleichternde und damit auch pflegevermeidende Maßnahme ist menschenunwürdig und Körperverletzung!
JEDER pflegebedürftige Mensch muss TÄGLICH so oft zur Toilette gebracht oder geführt werden , wie er es wünscht! (Windeln und Dauerkatheter als pflegeerleichternde Maßnahmen sind menschenunwürdig und Körperverletzung!)
JEDER pflegebedürftige Mensch muss TÄGLICH (wenn gewünscht !) gewaschen, angezogen, gekämmt werden und sein Gebiss erhalten (Mundpflege!).
JEDER pflegebedürftige Mensch muss (auf Wunsch) TÄGLICH die Möglichkeit bekommen sein Bett zu verlassen und an die frische Luft zu kommen.
JEDER pflegebedürftige Mensch muss die Möglichkeit haben, wenigstens seinen/ihren Zimmerpartner zu wählen, bzw abzulehnen. (Doppelzimmer und Mehrbettzimmer sind menschenunwürdig).
JEDER pflegebedürftige Mensch muss die Möglichkeit haben, dass wenigstens ein Mitarbeiter auf Station ist, der die Muttersprache spricht. Kommunikation ist ein Grundrecht! (Trösten, zuhören, geduldig in den Arm nehmen, ein paar freundliche, liebevolle, verständliche, einfühlsame Worte dürfen nicht als "Kaviarleistung" - "nicht finanzierbar" - gelten).
JEDER pflegebedürftige Mensch muss die Sicherheit haben, dass ihm in der Todesstunde wenigstens jemand die Hand hält, damit er nicht alleine und einsam sterben muss ..!!!
Diese "Standards" müssen in einem reichen Land, das den Anspruch hat die Menschenrechte besonders zu achten, selbstverständlich sein ..!
Die Grundvoraussetzungen für MENSCHENWÜRDIGE ARBEITSBEDINGUNGEN sind selbstverständlich ausreichendes, motiviertes, kompetentes und auch menschlich qualifiziertes Personal !!!
DIE WÜRDE AUCH DES PFLEGEBEDÜRFTIGEN MENSCHEN IST UNANTASTBAR !!!
Claus Fussek, Dipl. Sozialpädagoge FH
München, den 16. Februar 2002
Die Eskimos setzen ihre Alten aus, die Indianer gehen zum Sterben in die Einsamkeit, wir sperren unsere ein, geben ihnen Zeit, mit der sie nichts anfangen können und halten sie solange am Leben, wie es nur geht.
Sie werden entsorgt, statt versorgt [...]
B. Dunker: Todesstern, BoD GmbH, Norderstedt, 2001
Wenn jede Zuwendung nach Minuten abgerechnet wird, ist das demütigend: Zeit für Zärtlichkeit, fürs Zuhören und für entsprechendes behutsames Vorgehen - dass scheint abhanden zu kommen, und das ängstigt mich für die ganze Gesellschaft.
Margot Käßmann, Landesbischöfin der Ev.-luth. Landeskirche Hannover

