INTERESSANTES

Gedanken II

Was seht ihr Schwestern?
Was seht ihr Schwestern, was seht ihr?
Denkt ihr wenn ihr mich anschaut: Eine mürrische, alte Frau,
die nicht besonders schnell, verunsichert in ihren Gewohnheiten, mit abwesenden Blick, die ständig beim Essen kleckert, die nicht antwortet wenn ihr mit ihr meckert, weil sie wieder nicht pünktlich fertig wird. Die nicht so aussieht als würde sie merken, was ihr mit ihr macht. Die willenlos alles mit sich machen lässt: "Füttern, waschen und alles was dazugehört". Denkt ihr denn so von mir, Schwestern, wenn ihr mich seht, sagt?
Öffnet die Augen und schaut mich an! Ich will euch erzählen wer ich bin, die hier so still sitzt, die macht was ihr möchtet, die isst und trinkt, wenn es Euch passt.
Die Natur ist grausam, wenn man alt und krumm ist und verrückt wirkt.
Ich bin jetzt eine alte Frau, die ihre Kräfte dahinsiechen sieht und der Charme verschwindet. Aber in diesem alten Körper wohnt noch immer ein junges Mädchen, ab und zu wird mein mitgenommenes Herz erfüllt. Ich erinnere mich an meine Freuden, ich erinnere mich an meine Schmerzen und ich
liebe und lebe mein Leben noch einmal.
Wenn ihr eure Augen aufmacht Schwestern
so seht ihr nicht nur eine mürrische, alte Frau. Kommt näher seht mich!

Das Gedicht schrieb eine Frau in einem schottischen Altenheim. Die Pfleger hielten sie für geistesschwach. Den Text fand man erst nach ihrem Tod bei ihren Sachen

Handle an mir, wie es deiner würdig ist,
Nicht wie es meiner würdig ist.

Saadi

Spottet meiner nicht!
Ich bin ein schwacher, kindischer alter Mann,
Achtzig und drüber, kein Stund mehr
noch weniger und grad heraus.
Ich fürchte fast, ich bin nicht recht bei Sinnen.
Mich dünkt, ich kenn' auch diesen Mann.
Doch zweifl' ich noch, denn ich begreif nicht
an welchem Ort ich bin. All mein Verstand
entsinnt sich dieser Kleider nicht, noch weiß ich,
wo ich die Nacht schlief. Lacht nicht über mich!

Lear in Shakespeare, König Lear

Heute kommt nun das Geld als ein bestimmender Faktor dazu. Wie in der Marktwirtschaft im allgemeinen, muss sich auch im Gesundheitswesen im besonderen bis hinein in das Arzt-Patient-Verhältnis "alles rechnen". Die gesellschaftlichen Verhältnisse spiegeln sich nun auch im immer heftiger tobenden Verteilungsstreit um die Kosten des Gesundheitssystems wider. Die Politik kann die entfesselten Kräfte nicht mehr ausreichend ordnen. Ärzte und Krankenkassen streiten ums Überleben und liegen untereinander im brutalen Wettbewerb. Der Patient ist das begehrte Objekt, dem möglichst hohe Krankenversicherungsbeiträge abzuringen sind, der aber zugleich möglichst wenig Kosten machen soll. Der kranke Mensch ist also längst zur Ware geworden. Die Medizin soll die schädigenden Folgen wachsender gesellschaftlicher Pathologie wieder heilen und ist selbst längst schon zum Patient geworden. In den ansteigenden Kosten, an immer mehr Medikamenten und immer teuereren Geräten und Apparaten ist das letztlich falsche und hilflose Bemühen zu erkennen, sehr komplexe, vernetzte und systemische Zusammenhänge auf sehr einfache, nahezu primitive Kausalitäten zu reduzieren. Das prinzipiell Subjektive wird illusionär objektiviert, das Lebendige und Dynamische soll in nachweisbaren Strukturen eingefangen werden und erstarrt schließlich in nur noch messbaren Daten.

Dr. med. H.-J. Maaz, Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik, Diakoniewerk Halle. Aus dem Artikel: "Das Gesundheitssystem als therapeutische Gemeinschaft - eine Utopie oder Notwendigkeit?"
Quelle: www.equilibrismus.de/de/themen/verschiedenes/hjm-gesundheit.pdf

Tod ist kein Misserfolg der Therapie.

Franco Rest

Vom Tod
Dann sprach Almitra:
Wir möchten nun nach dem Tod fragen.
Und er sagte: Ihr möchtet das Geheimnis des Todes kennenlernen. Aber wie werdet ihr es finden,
wenn ihr es nicht im Herzen des Lebens sucht?
Die Eule, deren Nachtaugen am Tag blind sind,
kann das Mysterium des Lichts nicht entschleiern.
Wenn ihr wirklich den Geist des Todes schauen wollt, öffnet eure Herzen weit dem Körper des Lebens.
Denn Leben und Tod sind eins, so wie der Fluß
und das Meer eins sind.
In der Tiefe eurer Hoffnung und Wünsche
liegt euer stilles Wissen um das Jenseits;
Und wie Samen, der unter dem Schnee träumt, träumt euer Herz vom Frühling.
Traut den Träumen, denn in ihnen ist das Tor zur Ewigkeit verborgen.
Eure Angst vor dem Tod ist nichts als das Zittern des Hirten,
wenn er vor dem König steht, der ihm zur Ehre die Hand auflegen wird.
Freut sich der Hirte unter seinem Zittern nicht,
dass er das Zeichen des Königs tragen wird?
Doch gewahrt er sein Zittern nicht viel mehr?
Denn was heißt Sterben anderes,
als nackt im Wind zu stehen und in der Sonne zu schmelzen?
Und was heißt nicht mehr zu atmen anderes,
als den Atem von seinen rastlosen Gezeiten zu befreien,
damit er emporsteigt und sich entfaltet und ungehindert Gott suchen kann?
Nur wenn ihr vom Fluß der Stille trinkt, werdet ihr wirklich singen.
Und wenn ihr den Gipfel des Berges erreicht habt,
dann werdet ihr anfangen zu steigen.
Und wenn die Erde eure Glieder fordert, dann werdet ihr wahrhaft tanzen.

Khalil Gibran, Der Prophet
Quelle: Gibran K.; Der Prophet, Walter Verlag, 32.Aufl., 1996, S. 59-60


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