NAHRUNGSVERWEIGERUNG
Psychotherapeutische Ansätze/Betreuungskonzepte
- Umgang mit Demenz-/Alzheimerpatienten
- Validation
- Milieutherapie
- Milieugestaltung unter dem Aspekt der Essensgestaltung
für demente Menschen (Extra Seite) - Basale Stimulation
- Musiktherapie
- Fazit
Umgang mit Demenz-/Alzheimerpatienten
In der fortgeschrittenen Phase der Erkrankung haben Medikamente zur Steigerung von Hirnleistungsaktivitäten kaum noch Wirkung. In dieser Phase kommt der Gestaltung des Umfeldes und dem Eingehen auf die Kranken die wichtigste Bedeutung zu. Die Persönlichkeitsveränderungen, die mit der Krankheit einhergehen, können zum Teil als Bösartigkeit der Kranken interpretiert werden. Auf diese Weise kann mangelnde Aufklärung zu einer Ursache für erhebliche Konflikte werden. Die Lebensqualität der Betroffenen wird wesentlich durch die Einstellung und Haltung von uns allen beeinflusst, in anderen Worten ausgedrückt, heißt das:
desto weniger leidet der Patient"[1]
Es gibt eine Reihe von Regeln von Alzheimer-Selbsthilfegruppen, welche sich kaum voneinander unterscheiden, meistens beziehen sie sich aber auf die Anfangsphase bzw. die mittlere Phase der Erkrankung. Die in der Abbildung aufgezeigten Regeln sind von der schweizerischen Alzheimervereinigung herausgegeben.
Zur Kommunikationsfähigkeit muss ergänzend erwähnt werden, dass es durchaus möglich ist, dass der Demente nicht mehr in der Lage ist sich durch Worte zu verständigen, aber die sogenannte nonverbale Kommunikation nicht wesentlich gestört ist. Die Betroffenen orientieren sich an Gesten, bzw. Mimik. Dafür scheinen sie sogar ein gewisses Gespür zu entwickeln. In der Praxis bedeutet dies, dass es ein Fehler ist anzunehmen, "sie" würden nichts mehr mitbekommen.
Der Umgang, bzw. das gesamte Umfeld hat einen großen Einfluss auf das seelisch Wohlbefinden eines Dementen. Eine Vielzahl von Verhaltensauffälligkeiten scheinen nicht nur krankheitsbedingt zu sein, sondern auch im hohen Maße durch interpersonelle Faktoren und Umgebungsbedingungen beeinflusst.[2]
Regeln für die Betreuung von Alzheimer-Kranken
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Wichtig ist, dass sie über die Krankheit gut informiert sind. Je mehr Sie darüber wissen, desto besser können Sie mit den Problemen umgehen. Es gibt heute gute und hilfreiche Literatur. Akzeptieren Sie den Kranken, so wie er ist, denn er kann sich nicht ändern. Respektieren Sie die Gewohnheiten des Patienten und seinen gewohnten Tagesablauf. Sie erleichtern ihm den Alltag. Beziehen Sie den Kranken in ihre täglichen Aufgaben und Pflichten mit ein. Lob gibt ihm das Gefühl der Zugehörigkeit und stützt sein Selbstwertgefühl. |
Versuchen Sie, auf fordernde Anhänglichkeit, auf Ängstlichkeit oder Lügen des Patienten gelassen zu reagieren. Unterhalten Sie sich mit dem Kranken auf einfache Weise; zeigen Sie ihm Ihre positiven Gefühle mehr durch Gesten und Berührungen. Seien Sie erfinderisch und gelassen im Umgang mit dem Patienten. Sie allein finden die besten Lösungen für ihn und sich selbst. Sprechen Sie mit anderen betroffenen Menschen. Der Erfahrungsaustausch gibt ihnen Anregungen und stärkt sie. Sie realisieren, dass Sie mit ihrer schwierigen Situation nicht allein sind. Vor allem auch: Vergessen Sie nicht sich selber. Gönnen Sie sich regelmäßig Erholung und Ausgleich, um immer wieder Kraft zu schöpfen. Sie haben ein Recht, Entlastung und Hilfeleistungen öffentlicher Institutionen in Anspruch zu nehmen. |
Hier finden sie | 21 Regeln zum Umgang mit Demenzkranken |
Validation
Theoretische Grundlagen
Das Konzept der Validation ist ein individuums- und biographiebezogen arbeitender therapeutischer Ansatz. Validation wurde von der US-amerikanischen Sozialarbeiterin Naomi Feil Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre aus ihrer praktischen Tätigkeit in einem Altenheim heraus entwickelt. Ihr Ansatz der Validation (zunächst als 'Fantasy Therapy' bezeichnet) betont das Einlassen auf phantasievolle und nicht vom logischen Denken geleitete Gefühlsinhalte der 'verwirrten' alten Menschen. Dieses Einlassen auf die Welt des Dementen ist es auch, was die Validation so beliebt bei den Pflegenden gemacht hat. Über die Effektivität von Validation liegen leider nur wenige Studien vor, welche eine fundierte Aussage über Wirkungen zulassen. Die bisher veröffentlichten Studien weisen häufig methodische Mängel auf und sind vom wissenschaftlichen Standpunkt nicht sehr aussagekräftig. Bei einzelnen therapeutischen Interventionen konnte aber eine Wirksamkeit der Maßnahmen beobachtet werden.[3]
Der weiterentwickelte Ansatz der integrativen Validation (IVA) nach Richard findet im stationären Bereich häufig Anwendung und wird von der Fachwelt positiv bewertet. Dabei handelt es sich um eine gefühlsorientierte Kommunikationsform und Umgehensweise, die nicht den Anspruch einer Therapie erhebt, sondern Beziehung und Vertrauen zwischen Betreuenden und Kranken aufbauen hilft. Die aktuell gezeigten Gefühle der Kranken werden wahrgenommen, im Kontext der individuellen Lebensgeschichte zu verstehen versucht und deren Gültigkeit bestätigt.[4]
Unter | http://www.h-lachnitt.de/AltenpflegeValidation.html | finden Sie einen Vortrag, der den Unterschied zwischen Validation und IVA deutlich macht.
Integrative Validation - Umsetzung von der Theorie in die Praxis
ein | Artikel von Birgit Diekel | auf Pflegenet.com
Nach Feil ist ein alter verwirrter Mensch jemand, der sich in der letzten Phase seines Lebens befindet, der auf einzigartige, ganz persönliche Weise Frieden machen will. Das Symptom der Verwirrtheit ist demnach die Folge des Nichterkennens wichtiger Lebensaufgaben in früheren Abschnitten des Daseins. Diese Aufgaben wurden verdrängt oder bewusst nicht wahrgenommen. Nun in der letzten Periode des Lebens des Patienten hat dieser das dringende Bedürfnis diese Aufgaben zu "erledigen". Mit der Weisheit menschlicher Erfahrung und Intuition kehrt er in die Vergangenheit zurück, um aufzuräumen und seine Grundbedürfnisse nach Liebe und Identität zu befriedigen. Er durchlebt für gewöhnlich 4 Stadien der Aufarbeitungsphase:
1. Stadium |
Mangelhafte Orientierung (maloriented): |
2. Stadium |
Zeitverwirrtheit (Time confusion): |
3. Stadium |
Sich wiederholende Bewegung (repetetive motion): |
4. Stadium |
Vegetieren (Vegetation): |
hinter seinem Handeln steckt immer eine Ursache.
Zielvorstellung
Validation - so Feil - kann dieses zunehmende Abgleiten in das Vegetieren verhindern, indem Validation die Betroffenen dabei unterstützt, ihre unbewältigten Konflikte durch das Ausdrücken der damit verbundenen Gefühle zu verarbeiten. Verdrängte Emotionen müssen auf dieser Suche nach Lösungen befreit werden. Sie müssen während dieses letzten Lebensstadiums ans Licht kommen. Validation will dem alten, desorientierten Menschen Unterstützung bieten bei der Bewältigung seiner letzten Lebensaufgabe, in Frieden zu sterben. Grundlegend ist dabei die Annahme, dass unbeachtete Gefühle stärker, offengelegte Gefühle hingegen, die durch einen vertrauten Zuhörer bestätigt und validiert werden, schwächer werden. Wirkliches, einfühlsames Zuhören (Validieren) erleichtert die emotionale Last. Ein bestätigtes, geteiltes und validiertes Gefühl kann entschwinden.
Dabei geht es nicht um eine kognitive Bewältigung von Konflikten, da die Betroffenen nach Feil die kognitive Fähigkeit zur Einsicht verloren haben. Sie können ihre Emotionen nicht mehr mit dem Intellekt steuern oder die Gründe für ihre Gefühle herausfinden, um ihr Verhalten zu ändern. Sie haben die Fähigkeit des 'AHA!', des plötzlichen Erkennens eingebüßt. Zu beachten ist des Weiteren, dass der alte Mensch seine unbewältigten Lebensaufgaben niemals vollständig lösen und dass er bis zum Tod damit beschäftigt sein wird. Wichtig erscheint realistische Zielsetzungen für jede einzelne Person festzusetzen.
Indem man im Rahmen der Validation die Gefühle des Betroffenen zu verstehen versucht, diese angenommen, akzeptiert und bestätigt werden, soll eine Vertrauensbasis geschaffen und Sicherheit gegeben werden. Angst und Stress sollen so vermindert werden. Angestrebt wird zudem eine Stärkung der Identität und des Selbstwertgefühls des alten Menschen. Validation soll ihm seine Würde zurückgeben bzw. bewahren. Validation soll Vertrauen herstellen, das für den alten Menschen Sicherheit bedeutet. Wenn Menschen sich sicher fühlen, gewinnen sie an Stärke. Die Interaktion nimmt zu, sie beginnen zu sprechen, teilen ihre Gedanken und Gefühle mit, das Selbstwertgefühl und die Würde steigen. Auch auf die Stimulans von "Wohlbehagen und Glück" zielt Validation. Alle fühlen sich glücklicher, wenn sie anerkannt werden.
Schließlich nennt Feil als weitere Ziele von Validation die Verbesserung des Gehvermögens und körperlichen Wohlbefindens des alten Menschen und die Reduktion von chemischen wie physikalischen Zwangsmitteln, die lediglich ein weiteres Fortschreiten des Rückzugs fördern.[5]
Umgang mit Verwirrten nach dem Prinzip der Validation
Als grundlegend erachtet Feil zunächst einmal die Wertschätzung, Akzeptanz und Achtung des alten Menschen und seiner Gefühle. Der Validations-Anwender urteilt nicht, er akzeptiert und achtet die Weisheit der alten Menschen. Wie dies in der Praxis aussieht zeigt die folgende
| Tabelle |
Diese wurde von dem Arbeitskreis "Behandlung und Pflege dementiell erkrankter Menschen" am Klinikum Kreis Herford entwickelt, bzw. modifiziert.
Milieutherapie
Das Ziel der Milieutherapie ist es, das gesamte Umfeld des Verwirrten zu verbessern. Mit Umfeld ist hauptsächlich die Situation in Heimen und anderen Institutionen gemeint. Es wird nicht nur die dingliche Umwelt auf den Patienten abgestimmt, sondern auch die soziale Umgebung.
Unter dinglicher Umwelt versteht man die räumliche Gestaltung der Umgebung des Kranken, die Strukturierung seines Tagesablaufes. Bei der Verbesserung der sozialen Umgebung, möchte man gegebenenfalls die erforderlichen Veränderungen der Einstellung und der Verhaltensweisen der professionellen und ehrenamtlichen Mitarbeiter erreichen.
Warum soll also das Umfeld des Kranken auf seine Person abgestimmt werden? Die mit der Demenz verbundenen Beeinträchtigungen führen bei dem Dementen zu einer starken Einschränkung seiner Umweltkompetenz. Demente alte Menschen können sich am wenigsten über negative Umweltbedingungen hinwegsetzen. Vor diesem Hintergrund der verringerten Umweltkompetenz und damit vermehrten Verwundbarkeit gewinnt die Gestaltung der dinglichen wie sozialen Umwelt des dementiell erkrankten Menschen an Bedeutung. Im Rahmen von Milieutherapie wird also darauf abgezielt, die Behinderung im Zuge einer dementiellen Erkrankung durch eine Anpassung des Lebensraumes an die Bedürfnisse der Betroffenen auszugleichen. Verlorengegangene Binnenstrukturen sollen durch entsprechende Außenstrukturen ausgeglichen werden.[6]
Die Gestaltung des sozialen Umfelds spielt bei der Problematik der Nahrungsverweigerung keine unerhebliche Rolle, insbesondere das Bezugspersonensystem. Man hat festgestellt, dass sich auch das Essverhalten des Patienten verbessert, wenn eine feste Bezugsperson das Essen reicht. Wird dies schon in der Begleitung und Pflege alter Menschen allgemein als sinnvoll und erstrebenswert erachtet, so muss dies insbesondere für dementiell Erkrankte gelten. Es muss für einen orientierungs- und gedächtnisgeschwächten Menschen beunruhigend sein, immer wieder verschiedene Menschen, die er nicht sicher zuordnen kann, nahe an sich herankommen zu lassen, häufig sogar in seinem intimsten Bereich.
Als ein entscheidender Faktor für die Entwicklung einer Beziehung wird die Kenntnis der Biographie des Betroffenen hervorgehoben. Das Wissen um die Interaktionsstile des Betroffenen, um seine Bewältigungs- und Verarbeitungsweisen, um wichtige lebensgeschichtliche Ereignisse etc. dient der Sensibilisierung der Pflegenden. Sie sollen so ein möglichst vollständiges Bild der Persönlichkeit des dementiell Erkrankten erhalten können und so vom stereotypen Fremdbild 'dement, abgebaut, kommunikationsunfähig, schwerstpflegebedürftig' abstrahieren. Eine biographische Orientierung soll einer generalisierenden Haltung der Bezugspersonen entgegenwirken. Des Weiteren ermöglicht die biographische Orientierung mehr Verständnis für seltsame Verhaltensweisen und Tätigkeitsroutinen dementiell Erkrankter.
Ein Beispiel aus der Praxis mag deutlich machen, wie mit der Gestaltung einer wohnlichen Umgebung und einem angenehmen sozialen Umfeld ein positiver Effekt auf das Essverhalten erreicht werden kann.
In einer schwedischen Studie wurden Gespräche und Verhaltensweisen von fünf hospitalisierten Alzheimerpatienten während der Mahlzeiten untersucht. Durch die Schaffung eines kleinen familiären Speisezimmer wurde eine angenehme Atmosphäre geschaffen. Diese Atmosphäre hat sich nicht nur positiv auf das Essverhalten ausgewirkt, sondern es wurden vermehrt soziale Kontakte geschaffen, da die geistig noch Fitteren den Schwächeren beim Essen halfen. Pflegekräfte haben sich laut dieser Studie in Bezug auf die Gespräche der Patienten untereinander eher als störend erwiesen, sobald sie bei den Mahlzeiten mit anwesend waren. Einen positiven Einfluss bewirkten sie allerdings auf die vollständige Ernährung der einzelnen Patienten.[7]
"Demenz allein muss für die Menschen kein furchtbares Unglück sein, wenn Milieu und Beziehung stimmen und sich entsprechend dem Menschen anpassen (der dies selbst nicht mehr kann).
Es gibt genügend Beispiele von Menschen die der Demenz zum Trotz relativ glücklich gelebt haben."[8]
Basale Stimulation
Eine sehr gute Möglichkeit Zugang zu Menschen zu finden, mit denen anscheinend keine verbale Kommunikation mehr möglich ist, ist die Basale Stimulation. Sie hat sich in der Praxis hinreichend bewährt. Mit ihr kann das seelische Empfinden bei Dementen, welche sich bereits im Spätstadium der Erkrankung befinden, noch positiv beeinflusst werden.
Basale Stimulation bedeutet Grundbedürfnisse mit einfachsten Reizen anzuregen. Sie wurde ursprünglich zur Früh- und Wahrnehmungsförderung bei körperlich und geistig schwer behinderten Kindern entwickelt. Basale Stimulation richtet sich also an alle Sinne des Menschen, wie z.B. Riechen, Hören, Schmecken usw.
Wenn dies also auf Demenz-Patienten angewendet wird, heißt das, dass es nicht nur darauf ankommt, "was" man mit ihnen macht, sondern auch darauf "wie" man es tut. Wer z.B. bei der Körperpflege bewusst unterschiedliche Reize einsetzt, hilft dem Kranken, Körper und Umwelt besser wahrzunehmen (siehe Überblick "Möglichkeiten der Basalen Stimulation")
Menschen nehmen ihre Umgebung wie überhaupt Informationen auf Dauer nur wahr, wenn ihre körperlichen Sinne wechselnd gereizt werden. Dagegen gewöhnt man sich an eintönige, also gleichförmige Reize, so dass man sie nach einiger Zeit nicht mehr wahrnimmt. Dies gilt für Schmerz und Temperatur ebenso wie für Tasten, Riechen und Sehen. Wer so an Reizen verarmt, blendet über kurz oder lang die äußere Realität aus und verliert die Orientierung. Ein solches Schicksal droht vor allem Demenz-Kranken, die bettlägerig sind bzw. sich kaum noch bewegen können. Diese Situation spitzt sich zu, wenn die Betreffenden auch noch "super weich" gelagert und lediglich mit Flügelhemden "bekleidet" sind. Möglicherweise ist das Körperempfinden eines solchen Menschen mit dem tauben Gefühl vergleichbar, das man nach einer zahnärztlichen Schmerzspritze verspürt. Für viele Demenz-Kranke kommt hinzu, dass sie aufgrund altersbedingter Hör- und Sehbeeinträchtigungen ohnehin nur noch schlecht wahrnehmen können.
Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, wenn alte Menschen der Reizverarmung begegnen, indem sie sich selbst stimulieren. Um Informationen über den eigenen Körper und die Umwelt zu erhalten, schreiten sie gleichsam zur Selbsthilfe. Typische Beispiele sind:
- Nestelbewegungen auf der Bettdecke
- Reiben und Kratzen auf der eigenen Haut
- Kratzen mit den Fingernägeln auf dem Tisch und
- Schaukeln mit dem Oberkörper
Die meist monotone und häufig selbstschädigende Autostimulation ist ein Hilfeschrei von Menschen, die unter einem Mangel an sinnlichen Anregungen leiden. Dabei sind die Möglichkeiten der Basalen Stimulation mannigfaltig und einfach zu verwirklichen.
Körperstimulation:
- deutlicher Druck bei der Körperpflege (Waschen, Abtrocknen, Einreiben, Massieren); Richtung: vom Körperstamm zur Peripherie
- erweitertes Reizangebot durch Wechsel der Wassertemperatur, verschieden harte Waschlappen, Schwämme und Handtücher, diverse Waschzusätze
- Förderung der Körperwahrnehmung durch gut sitzende und vollständige Kleidung (einschließlich Unterwäsche)
Anregung des Gleichgewichtssinnes:
- Schaukeln im Schaukelstuhl
- gemeinsames Ausführen rhythmischer Bewegungen (z.B. Tanzschritte)
- Wiegen des Kranken im Arm des Betreuers
Haptische Stimulation (Tast- und Greifsinn):
- "Begreifen" unterschiedlicher Materialien
- Hände unter fließendes Wasser halten
- sich selbst eincremen
Vibratorische Anregung:
- Halten einer elektrischen Zahnbürste, eines Elektrorasierers oder ähnlich vibrierender Gegenstände mit der Hand
Orale Stimulation:
(Besonders wichtig für Patienten, die parenteral ernährt werden, aber auch für Personen mit Schluckstörungen, um deren Gefühl für den Mundbereich zu fördern und zu erhalten)
- regelmäßiges Bestreichen von Lippen, Zähnen, Zunge und einem Teil des Gaumens mit den Fingern oder einem großen Wattetupfer (z.B. bei der Mundpflege)
- Fördern von Lutsch- und Schluckbewegungen durch harte Brotrinden, Bratenkruste oder Kaugummi
Olfaktorische Stimulation:
(Vertraute Gerüche fördern die Erinnerung!)
- Körperpflege mit Parfum, Deo oder Rasierwasser, das dem Kranken lieb und vertraut ist
- Anregung des Geruchssinnes durch Blumen, ätherische Öle und Essensdüfte. Sie überdecken den mitunter typischen Geruch der Betreuungseinrichtung und verbessern so die Atmosphäre.
Visuelle Stimulation:
- Mobiles, Poster und Bilder mit kräftigen Farben sowie leicht erkennbaren Motiven
- Fotos aus dem Privatleben des Patienten.
Schon ein einziger Gegenstand, der ins Blickfeld gerückt wird, kann den Tag des Kranken verändern!
Die hier vorgestellten Beispiele können lediglich Anregungen sein, die Kreativität kennt letztlich keine Grenzen. Allerdings darf man den Kranken nicht überstimulieren. Für den Anfang genügen erfahrungsgemäß täglich ein oder zwei Maßnahmen für jeweils 15 Minuten.[9]
Musiktherapie
Musiktherapie ist eine einfache und sehr wirksame Methode, um positiv auf das emotionale Wohlbefinden von Demenzkranken einzuwirken. "Musik stellt eine zusätzliche sprachunabhängige Ebene der Kommunikation dar, welche Demenzkranken mit zunehmenden Verlust der Sprachfähigkeit fast bis zum letzten Krankheitsstadium zugänglich bleibt. Musik bietet dementiell Erkrankten vielerlei Kompensationsmöglichkeiten ihrer kommunikativen und weiteren Defizite"[10]
In einer schwedischen Studie wird die Auswirkung von Musik auf das Essverhalten von Demenzpatienten genauer untersucht:
"Hintergrundmusik trägt dazu bei, dass Demenz-Kranke mehr essen und sich gleichzeitig entspannen. Da Mangelernährung bzw. Untergewicht zu den häufigeren Komplikationen des Grundleidens gehören, dürfte sich gerade in solchen Fällen der Versuch lohnen, Mahlzeiten musikalisch einzurahmen."
Diese Schlussfolgerungen ziehen H. Ragneskog und Mitarbeiter aufgrund einer Studie in einem Pflegeheim, dessen Bewohnern während der Mahlzeiten Hintergrundmusik geboten wurde. Für die Dauer von jeweils zwei Wochen waren zuerst beruhigende und romantische Klänge, dann populäre Melodien der 20er und 30er Jahre und schließlich Pop-Rhythmen der 80er Jahre zu hören. Alle drei Angebote führten dazu, dass die beteiligten 20 Bewohner des Pflegeheims mehr aßen und während der Mahlzeiten weniger irritierbar, ängstlich und deprimiert wirkten. Die letztgenannten Effekte hielten sogar eine gewisse Zeit an. Auch das Pflegepersonal veränderte sein Verhalten, indem es den Kranken vergleichsweise mehr Speisen anbot.
In ihrem Resümee lassen die schwedischen Wissenschaftler offen, inwieweit die Mitarbeiter des Heims sich mehr durch die Musik oder ihre Teilnahme an einer wissenschaftlichen Studie beeinflussen ließen. Unbeantwortet bleibt auch die Frage, ob die Heimbewohner mehr aßen, weil sie Musik hörten oder weil sich die Betreuer mehr für sie engagierten.[11]
Hier können sie CD´s mit Volksliedern bestellen:
www.tageszentrum-am-geiersberg.de
Musik und Spiritualität in der Arbeit mit demenzkranken Menschen
Erfahrungen mit Taizé-Gesängen in der Betreuung
von demenzkranken Menschen.
Ein | Artikel | aus der Hospizzeitschrift
Fazit
Es gibt noch eine Reihe anderer Konzepte,
deren Wirksamkeit jedoch eher zweifelhaft ist oder die in der Praxis nur selten bzw. kaum angewandt werden.[12]
Als Beispiel ist hier das Realitäts-Orientierungs-Training zu nennen, abgekürzt ROT. Das ROT findet man noch häufig in der Fachliteratur und auch in der Praxis. Es soll vor allem die kognitive Leistungsfähigkeit der Dementen verbessern. Allerdings konnten hinsichtlich der Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit durch ROT kaum Verbesserungen festgestellt werden.[13] Außerdem bewirkt die Konfrontation mit der Realität, welche beim ROT gefordert wird, eher ein Sinken der Lebensqualität.[14]
Die Prinzipen der hier vorgestellten Konzepte sind meiner Meinung nach auch gut im Alltag umsetzbar. Sicherlich bedarf es einer gewissen Anstrengung, die hier vorgestellten Grundhaltungen zu erlernen, aber bei der Anwendung merkt man sehr bald, dass nicht nur der Kranke davon profitiert, sondern auch der Pflegende durch die Akzeptanz des Kranken lernt, eigene negative Gefühle, wie zum Beispiel Aggression, Schuld oder Hilflosigkeit zu verringern.
Literaturverzeichnis
[1] vgl. Juchli L., Pflege, Praxis und Theorie der Gesundheits- und Krankenpflege. 7. neubearbeitete Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart; New York, 1994, S. 586
[2] vgl. Kurz A. Verhaltensstörungen bei Demenz 1998, in: Nervenarzt, Jg. 69, Nr. 3, S. 269-273
[3] vgl. Radzey B, Kuhn C., Rauh J., [Qualitätsbeurteilung der institutionellen Versorgung und Betreuung dementiell Erkrankter (Literatur-Expertise), Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend]. Kohlhammer, Stuttgart; Berlin; Köln, 2001,Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Bd. 207.1
[4] vgl. Radzey B, Kuhn C., Rauh J., [Qualitätsbeurteilung der institutionellen Versorgung und Betreuung dementiell Erkrankter (Literatur-Expertise), Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend]. Kohlhammer, Stuttgart; Berlin; Köln, 2001,Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Bd. 207.1
[5] vgl. Egidius U., [ Pflegekonzepte, 1997], Ausgewählte Behandlungsansätze in der Arbeit mit dementiell erkrankten alten Menschen aus sozialpädagogischer Perspektive, http://www.alzheimerforum.de/3/1/6/UlrikeEgidius.html, 4. Februar 2002
[6] vgl. Egidius U., [ Pflegekonzepte, 1997], Ausgewählte Behandlungsansätze in der Arbeit mit dementiell erkrankten alten Menschen aus sozialpädagogischer Perspektive, http://www.alzheimerforum.de/3/1/6/UlrikeEgidius.html, 4. Februar 2002
[7] Sandman P.O., Norberg A., Adolfsson R., [Studie der schwedischen Universität Umeå, 1994], Gespräche und Verhaltensweisen von fünf hospitalisierten Alzheimer-Patienten während der Mahlzeiten, in: Pflege, Band 7, Heft 4, S. 291-299
[8] Müller-Hergl C., [Qualität in der stationären Versorgung Demenzerkrankter (Dokumentation eines Workshops), Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend], Wohlbefinden als Ausgangspunkt für Qualität - Dementia Care Mapping. Kohlhammer, Stuttgart; Berlin; Köln, Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Bd. 207.2)
[9] vgl. Mück H. Dr. D. med., [Basale Stimulation, 2001], Die Sinne erwecken: Basale Stimulation bei Demenz, http://www.alzheimerforum.de/3/1/6/10/bsbd.htm, 6. Februar 2002
[10] vgl. Radzey B, Kuhn C., Rauh J., [Qualitätsbeurteilung der institutionellen Versorgung und Betreuung dementiell Erkrankter (Literatur-Expertise), Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend]. Kohlhammer, Stuttgart; Berlin; Köln, 2001,Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Bd. 207.1
[11] Mück H. Dr. Dr. med., [ Wissens- und Erfahrungsdatenbank, 2001], Mahlzeiten musikalisch untermalen, H. Ragneskog et al.: Influence of dinner music on food intake and symptoms common in dementia. Scand. J. Caring Sci. 1996 (10) 11-17, http://www.alzheimerforum.de/2/3/2/mmu.html, 6. Februar 2002
[12] vgl. Radzey B, Kuhn C., Rauh J., [Qualitätsbeurteilung der institutionellen Versorgung und Betreuung dementiell Erkrankter (Literatur-Expertise), Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend]. Kohlhammer, Stuttgart; Berlin; Köln, 2001,Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Bd. 207.2, S. 22
[13] vgl. Woods B., u.a., [Reminiscence and Life Review with Persons with Dementia, o.J.], Which Way Forward?, in: Jones, G.M.M. & Miesen, B.M.L. (Hrsg.), Care-Giving in Dementia - Research and Applications. London: Routledge, S. 137-161
[14] vgl. Radzey B., Heeg S., [Qualität in der stationären Versorgung Demenzerkrankter (Dokumentation eines Workshops), Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend], Demenzkranke in der stationären Versorgung: Versorgungskonzepte und "offene" Forschungsfragen. Kohlhammer, Stuttgart; Berlin; Köln, 2001, Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Bd. 207.2, S. 22
Stand: Copyright © 2002 [Christian Kolb]. Alle Rechte vorbehalten.
02. Mai. 2002 17:30

